Wissenschaft und Mystik
Die kosmische Einheit in sich finden
Ein Bewusstseinsweg
Hinter den großen wissenschaftlichen Entdeckungen stehen mitunter höchst spirituelle Menschen. Die ist der Fall bei Albert Einstein, der in der Geschichte der Wissenschaft einen nachhaltigen Eindruck hinterlassen hat. Seine spirituelle Suche war sehr weitreichend. Er fragte sich ob es Gott im Kosmos gibt.Und die Anwendungen seiner Entdeckungen sind, wenn man es aus diesem Blickwinkel betrachtet, spirituell…
Albert Einstein hat der Quantenphysik den Weg geebnet. Es handelt sich um eine Vision des Kosmos, die zunehmend Verbindungen zu Philosophie und Religion herstellt. Seit Einstein haben sich zahlreiche Wissenschaftler den großen Denkern und Philosophen sowie großen Mystikern aller Jahrhunderte angeschlossen. Schauen wir uns einmal die drei großen Weltanschauungen der modernen Wissenschaft genauer an. Zunächst wird der Kosmos hauptsächlich als eine „ewig bestehende Energie“ angesehen, in der alles erschaffen wird. Es gibt auch eine „bewusste Intelligenz“, die alles leitet und diese Schöpfung organisiert. Und dann ist da noch ein „allgegenwärtiges Leben“, d.h. ein Organismus, der sich ausbildet und entwickelt.
Es ist faszinierend, festzustellen, dass diese neuen, von Einstein eingeführten Ansichten eine Brücke zwischen der Wissenschaft und den großen philosophischen Traditionen und Religionen schlagen.
„Dieser Ozean der Energie, diese subtile Welt, aus der unsere greifbare Welt entspringt, ist die wahre Realität unseres Universums. Die uns bekannte materielle Welt ist in Wirklichkeit nur eine leichte Schwingung dieser Energie, eine Welle an seiner Oberfläche.“
Eine unerschöpfliche kreative Energie
Die Physik des letzten Jahrhunderts betrachtet das Universum als ein ausgedehntes Feld reiner Kraft, als einen Ozean der Energie, aus dem kontinuierlich alles Existierende, vom Allerkleinsten bis zum Allergrößten, entspringt.
Physiker sprechen von einer „Energiegefüllten Leere“, die durch ewige Bewegung belebt ist und aus der ständig neu Raum, Zeit und Materie hervorgehen. Aus dieser Ur-Energie entsteht die Materie: Die Materie entsteht dort, wo die Energie kondensiert.
In diesem Energiefeld, in diesem Ballett des Aufbaus und Abbaus werden ständig Partikel, oder „Weseneinheiten“ geboren und sterben. Die Energie des Kosmos breitet sich nach dem Prinzip der Komplementarität aus: Raum - Zeit, Schwingung - Teilchen, Geist - Materie.
Dieser Energie-Ozean, diese subtile Welt, aus der unsere greifbare Welt entspringt, ist die wahre Realität unseres Universums. Die uns bekannte materielle Welt ist in Wirklichkeit nur eine leichte Schwingung dieser Energie, eine Welle an seiner Oberfläche. Da dieser schöpferische Energie-Ozean unendlich ist, werden ewig Welten aufeinander folgen so wie unaufhörlich Wellen auf der Oberfläche des Ozeans erscheinen. Wo Wissenschaftler das Universum als ein ausgedehntes Feld schöpferischer Kraft ansehen, sprechen die Philosophen vom „Sein“.
In der Metaphysik ist in der Tat das „Sein“, das „Eine“, die schöpferische Kraft am Ursprungs aller Existenz, in dem alles geboren wird, lebt und wiederum stirbt.
Philosophen verschiedener Epochen nannten diese Schöpferkraft den „kosmischen Geist“ oder „die Seele der Welt“, die sich durch Zeit, Raum und Materie ausdehnt und verwirklicht. Es ist ein „Werden,“ durch das dieses Universum reicher und komplexer wird.
Die großen Mystiker beschreiben die Idee der Schöpferischen Energie als eine „Formenschaffende Leere“. Für die mystischen Denker ist die“ Leere“ der Ursprung und das Ziel einer jeden Existenz sowie der des gesamten Kosmos. Sie ist die große Energiequelle des Universums, die sich zurückentwickelt und in der Formenvielfalt verborgen ist, um sich darin entfalten und zu entwickeln.
Die so genannte „kosmische Energie“ ist in Wirklichkeit nur eine „Spur“ der unendlichen göttlichen Energie. Die mystische Weltanschauung stimmt hier mit der Weltanschauung moderner Physik überein. Alle Erscheinungen der Natur hängen voneinander ab und entspringen der einzigen, dynamischen, die eigentliche Natur des Universums ausmachenden, Quelle.
Eine ordnende Intelligenz
Die zweite, aus Entdeckungen moderner Wissenschaft entstandene Ansicht des Kosmos, ist die eines Feldes bewusster, die Entwicklung der materiellen Schöpfung harmonisch ordnender Intelligenz.
Bei Einstein lässt die Vorstellung eines rein mechanischen Kosmos einer weitaus reicheren Idee Raum: Das Universum schreibt und entfaltet sich selbst, wie eine Sprache oder wie eine wundervolle, musikalische Partitur.
Die Vorstellung, das Universum besäße eine verschlüsselte „Sprache“, die von Mathematikern entschlüsselt werden kann, ist vielleicht der allerschönste wissenschaftliche Gedanke. Die kleinsten Materieteilchen sind nicht materiell, es sind Strukturen, Ideen, die man allein durch den mathematischen Gedanken begreifen kann.
Das Universum ist auf einer rationellen und intelligenten Hierarchie aufgebaut, die von der eigentlichen Harmonie der Natur bis zur perfekten Harmonie des Kosmos reicht.
„Das Universum ist auf einer rationellen und intelligenten Hierarchie aufgebaut, die von der eigentlichen Harmonie der Natur bis zur perfekten Harmonie des Kosmos reicht.“
Alles funktioniert nach einer „internen“ Logik in einer intelligenten und verständlichen Ordnung.
In der Materie versteckt sich eine Art von Einsicht: Das Universum weiß, wohin es geht. Vom Einfachsten zum Komplexen, vom Chaos zur Ordnung und stets zu einem größeren Bewusstsein.
Parallel zu der wissenschaftlichen Vision eines intelligenten Kosmos spricht man in der Metaphysik vom „Logos“, der „universellen Vernunft“.
Für die Philosophen ist der gesamte Kosmos von dem so genannten Logos und der Vernunft durchdrungen. Dieser Logos lenkt die Welt in Ordnung, Symmetrie und Schönheit. Er durchdringt ebenso jedes einzelne Wesen, das jeweils seinen eigenen Samen der Ordnung und Perfektion in sich trägt.
„Von den großen griechischen Denkern bis zu den heutigen Metaphysikern erkennen alle Philosophen diesen „lebenswichtigen Antrieb“ als eine jeder Existenz innewohnende Kraft an. Es ist ein unbezwingbarer, im Inneren einer jeden Erscheinung eingeschriebener Wunsch, der jedes Wesen, jedes Ding dazu hinführt, in seiner materiellen Wirklichkeit das zu verkörpern, was es im Wesentlichen ist.“
Die Intelligenz ist allgegenwärtig und überall wirksam und führt das Ganze sowie jedes seiner Teile zur letzten Erfüllung, zur Perfektion. Und diese intelligente Quelle befindet sich im Herzen der Materie selbst. Auch kann man eine tiefgründige Analogie zwischen dem intelligenten Universum der Wissenschaftler und der mystischen Vorstellung des “kosmischen Bewusstseins“ feststellen. Dieses kosmische Bewusstsein trifft man im Hinduismus, wo es „Lila“ genannt wird. Es ist das Spiel der Manifestationen des Bewusstseins, die sich in Welten verwandeln. Man findet es auch im Taoismus wieder, in dem „Tao“ den Weg der kosmischen Ordnung darstellt; Das Prinzip der Einheit, der Harmonie und des Ausgleichs in einem universellen Rhythmus der Komplementarität
der Gegensätze (Yin und Yang).
Im Buddhismus setzt die Vorstellung des Karma ebenso die Anerkennung einer intelligenten Ordnung des Universums voraus: Der Aktion folgt die Reaktion im Sinne einer weisen, universellen Ordnung und Gerechtigkeit, die im gesamten Kosmos wirksam ist.
Fortsetzung in der Ausgabe Nr. 7 (Februar/März), erhältlich im Bahnhofsbuchhandel und anderen Verkaufstellen der Presse
